Frühstückscerealien: Ein Blick hinter die Kulissen der globalen Produktion
Morgens vor dem Supermarktregal stehen und zwischen Dutzenden bunten Cerealien-Packungen wählen – für Millionen Deutsche gehört das zum Alltag. Die Cerealienindustrie ist ein milliardenschwerer globaler Markt, der 2024 einen Wert von etwa 38 Milliarden US-Dollar erreichte. Deutschland rangiert dabei als zweitstärkster Markt in Westeuropa mit einem beachtlichen Volumen von rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Was auf den ersten Blick simpel erscheint – knusprige Flocken in einer Schale – entpuppt sich bei näherem Hinsehen als komplexes Geflecht aus internationalen Lieferketten, unterschiedlichen Verarbeitungsverfahren und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 78 Prozent der Deutschen über 18 Jahren greifen mindestens monatlich zu Müsli, 45 Prozent sogar wöchentlich. Mit durchschnittlich 2,2 Kilogramm pro Kopf jährlich landen beachtliche Mengen in deutschen Frühstücksschalen. 2019 wurden hierzulande knapp 179.000 Tonnen Frühstückscerealien abgesetzt, wobei Müslis mit über 103.000 Tonnen den Löwenanteil ausmachten. Diese Popularität erklärt, warum der Markt so hart umkämpft ist und warum sich hinter den bunten Verpackungen eine globale Maschinerie verbirgt.
Von Sanitarium zu Supermarkt: Die Geschichte der Frühstücksflocken
Die Erfindung der Cornflakes Ende des 19. Jahrhunderts durch die Brüder John Harvey und Will Keith Kellogg in den USA hatte wenig mit Genuss zu tun – zunächst sollten die Flocken eine gesundheitsfördernde, leicht verdauliche Mahlzeit für Sanatoriumspatienten sein. Ab 1906 erkannte Will Keith Kellogg das kommerzielle Potenzial und verkaufte bereits täglich tausend Packungen. Heute beliefert Kellogg’s über 180 Länder weltweit und zeigt damit eindrucksvoll die internationale Dimension dieser Branche.
Nach Deutschland brauchten die knusprigen Flocken allerdings ein Weilchen: Erst 1965 stellte H. & J. Brüggen als erstes deutsches Unternehmen Cornflakes her. Müsli dagegen hat europäische Wurzeln – um 1900 machte der Schweizer Arzt Bircher-Benner seine Haferflocken-Kreation bekannt, die ab den 1940er-Jahren regelmäßig auf europäischen Frühstückstischen landete. Zwei unterschiedliche Produktkategorien, beide mit eigener Geschichte, die heute im Supermarktregal friedlich nebeneinander existieren.
Warum Frühstückscerealien zwangsläufig international sind
Die Herstellung von Frühstückscerealien ist schon von Natur aus global ausgerichtet. Das liegt vor allem an den verwendeten Getreidesorten: Weizen, Mais, Hafer, Reis, Gerste, Roggen, Hirse und zunehmend Dinkel bilden die Rohstoffbasis. Während einige dieser Getreidearten in Deutschland problemlos gedeihen, sind andere klimatisch schlicht nicht in ausreichenden Mengen produzierbar. Mais und Reis etwa lassen sich hierzulande nicht in industriell relevanten Mengen anbauen – die werden importiert, Punkt.
Diese agrar-klimatische Realität bedeutet konkret: Selbst wenn auf der Packung ein deutsches Unternehmen prangt und die Verarbeitung in Deutschland stattfindet, stammen Rohstoffe häufig aus verschiedenen Weltregionen. Nordamerika hält mit knapp 46 Prozent den größten Marktanteil an der globalen Cerealienproduktion, was die Abhängigkeit europäischer Hersteller von internationalen Lieferketten verdeutlicht. Das ist keine bewusste Intransparenz, sondern wirtschaftliche und agronomische Notwendigkeit.
Von der Flocke zum Crunch: Verarbeitungsverfahren im Überblick
Die Vielfalt im Supermarktregal entsteht durch unterschiedliche Herstellungsverfahren. Getreide wird geschreddert, gewalzt, geröstet, gebacken oder gepufft – jedes Verfahren verleiht den Cerealien ihre charakteristischen Eigenschaften. Klassische Cornflakes durchlaufen beispielsweise einen Walz- und Röstprozess, während gepuffter Reis unter Druck und Hitze seine luftige Struktur erhält. Knuspermüslis werden mit Honig oder Sirup gebacken, bis sie ihre typische goldbraune Farbe und Knusprigkeit entwickeln.

Diese Komplexität erklärt auch, warum viele größere Hersteller ihre Produktion für mehrere europäische Märkte an einem zentralen Standort bündeln. Wirtschaftlich macht das absolut Sinn: Warum sollte man in fünf Ländern jeweils eine Produktionsanlage für Cornflakes betreiben, wenn eine zentrale Großanlage alle Märkte effizienter beliefern kann? Für Verbraucher macht das die Nachvollziehbarkeit allerdings anspruchsvoller.
Kennzeichnung: Was muss draufstehen, was nicht?
Bei verarbeiteten Lebensmitteln wie Cerealien gelten andere Kennzeichnungspflichten als bei frischen Produkten. Während Obst, Gemüse und Fleisch detaillierte Herkunftsangaben aufweisen müssen, sind die Anforderungen bei weiterverarbeiteten Erzeugnissen deutlich lockerer. Häufig findet sich auf der Verpackung die Adresse des Inverkehrbringers oder Vertriebs – nicht zwingend der tatsächliche Produktionsstandort. Das ist rechtlich völlig in Ordnung, kann aber zu Missverständnissen führen.
Eine Angabe wie „Hergestellt in Deutschland“ bezieht sich rechtlich auf den Ort der letzten wesentlichen Verarbeitung. Die Rohstoffe können dennoch aus verschiedenen Ländern stammen, ohne dass dies der Kennzeichnung widerspricht. Diese Praxis ist nicht auf Cerealien beschränkt, sondern gilt für unzählige verarbeitete Lebensmittel. Wer genau wissen will, wo sein Müsli herkommt, sollte beim Kundenservice nachfragen – viele Unternehmen geben auf Anfrage bereitwillig Auskunft über Produktionsstandorte und Bezugsquellen der Hauptzutaten.
Siegel, Zertifizierungen und was sie wirklich bedeuten
Auf Cerealien-Packungen prangen oft diverse Siegel und Zertifizierungen. Wirklich aussagekräftig in Bezug auf Herkunft sind vor allem geschützte Herkunftsbezeichnungen auf EU-Ebene – die kommen bei Cerealien allerdings extrem selten vor. Andere Siegel beziehen sich meist auf Teilaspekte wie biologischen Anbau einzelner Zutaten oder faire Handelsbedingungen. Das kann durchaus wertvoll sein, sagt aber wenig über die geografische Herkunft aus.
Bei Siegeln lohnt sich eine kurze Recherche zur Bedeutung und den Vergabekriterien. Nicht alle Auszeichnungen werden von unabhängigen Stellen kontrolliert – manche sind Eigenkreationen der Hersteller ohne externe Überprüfung. Der Blick auf die Zutatenliste kann ebenfalls erhellend sein: Der durchschnittliche Zuckergehalt in Frühstückscerealien liegt bei etwa 17 Gramm pro 100 Gramm Produkt. Wer auf vollwertige Varianten achtet, findet zunehmend Produkte mit Vollkorngetreide und reduziertem Zuckerzusatz.
Aktuelle Entwicklungen und Trends
Die Cerealienbranche erlebte während der Pandemie einen Nachfrageschub, da mehr Menschen zu Hause frühstückten. Westliche Konsummuster breiten sich zunehmend auch in Schwellenländern aus, was das globale Marktwachstum weiter antreibt. In Deutschland zeigt sich eine stabile Nachfrage mit leichten Schwankungen – 2021 kauften deutsche Haushalte durchschnittlich 8,3 Kilogramm Cerealien pro Jahr.
Die Produktvielfalt hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Proteinreiche Varianten, Vollkorn-Optionen und Produkte mit reduziertem Zuckergehalt erobern immer mehr Regalfläche. Auch exotischere Getreidesorten wie Quinoa oder Amaranth finden sich zunehmend in Müslimischungen. Diese Diversifizierung spiegelt veränderte Ernährungsgewohnheiten wider und zeigt, dass sich die Branche kontinuierlich an Verbraucherwünsche anpasst. Wer mehr über seine Frühstücksflocken erfahren möchte, kann durch gezielte Nachfragen bei Herstellern oder Recherchen bei Verbraucherorganisationen zusätzliche Informationen erhalten. Die globale Struktur der Cerealienproduktion ergibt sich aus agronomischen Gegebenheiten und wirtschaftlichen Überlegungen – das sollte man bei der Bewertung von Verpackungsangaben im Hinterkopf behalten.
Inhaltsverzeichnis
